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Aus: Friebel, Volker (2013). Der Bibliothekar. 17 Briefe an die real existierende Welt. Tübingen: Edition Blaue Felder. 49.000 Zeichen.

 

1. Brief: Geldwaschanlagen

 

Bundesinstitut für Risikobewertung, Berlin

 

Antrag zur Risikobewertung von Geld

 

Sehr geehrte Institutsleitung,

neulich im Markt, ich hatte eine Backware aufs Fließband gelegt, zögerte die Verkäuferin und sagte dann: „Nehmen Sie Ihre Brezel vielleicht gleich selbst?“, statt sie wie die übrigen Waren vom Band in die Ablage zu schieben. „Ich hab so schmutzige Hände, von dem vielen Geld“, fügte sie entschuldigend hinzu.

Das geht mir nicht aus dem Kopf. Und ich rege nun an, das umlaufende Geld zum Risikofaktor zu erklären und in regelmäßigen Abständen zu waschen. Allein die Toten wegen Übertragung von Grippeviren dürften jährlich in die Dutzende gehen. So viel wird für Ihre und meine Sicherheit auf den Flughäfen getan oder durch Lebensmittelkontrollen – eine entsprechende Berücksichtigung der Ansteckungsgefahr durch Geld, der vielleicht größten Sicherheitslücke, unterbleibt bisher aber fahrlässig.

Und es gibt nicht nur diese gesundheitlichen Aspekte. Dass Geld schmutzig ist, alles Geld, nicht nur das auf illegalem Weg erworbene oder in den Kot gefallene, ist eine Ansicht, die viele Menschen haben. Unser Geld zu waschen, vielleicht zusätzlich noch zu parfümieren, mag so dazu beitragen, die Welt nicht nur gesünder, sondern auch schöner zu machen und das Bedrückende beim Umgang mit Geld abzumildern.

Bitte leiten Sie die Einrichtung von Prüf- und Waschanstalten für Geld in die Wege. Vielleicht sind kleine Einheiten in den Märkten realisierbar, an die Kassen gekoppelt, in welche die Kunden ihre Scheine und Münzen werfen und aus denen sie nach Abzug des (gereinigten) Rechnungsbetrags sauber gewaschene und parfümierte Gelder zurückerhalten.

Scardanelli

 

 

9. Brief: Die Farbe der Zahlen

 

Max-Planck-Institut für Mathematik, Bonn

 

Sehr geehrter Meister der Zahlen,

am besten, so heißt es, sehen wir, wenn wir die Augen schließen. Tue ich das und denke an Zahlen, sehe ich schwarz. Meine Frage an Sie: Welche Farbe haben Zahlen eigentlich?

Alle Menschen, die ich gefragt habe, berichten dieses ewige Schwarz, ob sie die Augen nun offen oder geschlossen haben. Vom Spezialfall der roten Zahlen in Bilanzen mal abgesehen. Die widerlegen aber nicht, sondern bestätigen meine Behauptung: In Rot, also farbig, sind Zahlen unerwünscht, Schwarz ist erwünscht und normal.

Wenn ich an bunte Zahlen denke, fällt mir nur der Kindergarten ein, allenfalls noch die Grundschule. Wir Erwachsenen leben in einem Universum der schwarzen Zahlen. Verstehen Sie wie deprimierend das ist? Und das Rot in den Bilanzen trägt nicht wirklich zur Aufheiterung bei.

Irgendwie scheint sich im Laufe des Lernens das Bunt zu verlieren und zwar, so mein Verdacht, umso mehr, je länger die Menschen mit den Zahlen hantieren. Irgendwie wäscht das Denken die Farben aus.

Welche Farbe haben die Blätter von Bäumen, welche hat die Sonne, der Himmel? Wenn wir mit den Schmetterlingen denken lernten, mit dem Wasser, dem Wind, würde das Denken vielleicht wieder bunt!

Auf Mathematik zu verzichten, fände ich eine fatale Konsequenz. Es sollte besser nach Wegen gesucht werden, die Farben wieder ins Denken zu bringen. Eine Mathematik des Windes zu entwickeln, wäre ein Beitrag dazu! Natürlich nicht irgendwelche Strömungsberechnungen, die sind doch nur wieder schwarz. Ich meine auch nicht eine Quantenmathematik oder mehrwertige Logiken. Es geht mir um die Entwicklung einer Art des Denkens, die allen Menschen möglich ist und in der die Mathematik ausdrücklich enthalten ist – aber bunt.

Leider kann ich Ihnen beim entscheidenden Wie überhaupt nicht weiterhelfen. Ich kann nämlich nicht so gut rechnen.

Aber ich hoffe, Sie verstehen mein Anliegen und greifen es auf.

Mathematische Grüße, Farbpinsel schwingend

Scardanelli

 

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Aktuell 06.10.2013 auf www.Quellensteine.de, Einrichtung 06.10.2013
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