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Der Bibliothekar hat eine Seite des Buches umgeschlagen, nun fährt er mit den Fingern über die Schrift. Es ist nicht die Berührung des anderen, Fremden, was er so liebt, es ist die Bewegung seines eigenen Geistes in diesem freien Raum, der sich öffnet, wenn die Flut der inneren Bilder, wenn das Gemurmel der Stimmen an den Buchstabenkanten verebbt.

„Meine Seele, wohnt sie nicht in der Leere zwischen den Wörtern?“, hat er zu einer der Wände gesagt. Und sich gewundert, wie die Fülle geradewegs aus dem Nichts zu kommen scheint, wie sie nicht zu spüren ist in der Besprechung mit den Kollegen, nicht in der Mittagspause, auch nicht im Trubel des Weihnachtsmarkts in der Stadt – es sei denn vielleicht, man schaut in die Wunderkerzen, deren sprühende Funken alle Dinge zu einem Hintergrund machen – und auch hier sind es nicht die Funken selbst, sondern die Leere, die plötzlich zwischen ihnen hervorlugt, wo eben all die Dinge noch waren.

Der Bibliothekar spricht gern mit den Büchern und Wänden. Die Menschen sind ihm zu unruhig, sie lassen im Wirbel der Bilder die Seele nicht zu. Einmal hat er mit einem Eichhörnchen gesprochen, das an den Stamm der alten Kastanie vor dem Eingang geklammert auf ihn herab sah, mit großen Augen, und hatte mehr als bei den Menschen ein Gefühl des Verstehens.

Noch ein wenig weiter den Gang hinauf ist der Saal mit den Rechnern, da sitzen die Leute und bedienen die Tasten, und die Rechner rechnen, und auf den Bildschirmen erscheint dann einfach eine Antwort.

Das Eichhörnchen hatte etwas anderes verstanden, als es ihn ansah. Womöglich etwas von dem, das erscheint, wenn nichts sich bewegt, wenn die Bilder verschwinden, die Farben, die Klänge – womöglich etwas vom einen Klang, der dann bleibt, von der einen Präsenz, die dann spürbar wird.

Es ist der Moment, bevor das Lesen beginnt.

Das Eichhörnchen steht womöglich immer davor.

Der Bibliothekar hat gelernt, diesen Moment recht lang werden zu lassen, den Atemzügen zu lauschen, dem Sirren der Leuchtstoffröhre über dem halb leeren Regal, dem Tanzen des Staubs. Er hat gelernt, die Pausen zwischen den Wörtern zu pflegen, zu dehnen, bis er nur noch die einzelnen Wörter las und ihren Zusammenhang zu vergessen begann.

Es ist der Raum der Bewusstheit.

Es ist der Moment, in dem alle Fragen verstummen und alle Antworten sich verwandeln in das reine Weiß gefallenen Schnees.

Es ist der Moment, in dem der Bibliothekar zu warten aufhört und einfach nur ist.

 

Erstveröffentlichung als Stück 5 in: Volker Friebel (2007): Ein Rest reiner Wahrheit. Erkundungen zur Seele. Tübingen: Edition Blaue Felder.

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Aktuell 04.10.2013 auf www.Quellensteine.de, Einrichtung 17.03.2009
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