Eingang  I  Verse  I  Haiku  I  Prosa  I  Quelle  I  Druck  I  Impressum  I  Datenschutzerklärung

 

 

Aus: Friebel, Volker (2013): Murmel Mu – Aus den Weisheiten eines Murmeltiers. Tübingen: Edition Blaue Felder. Nur als eBuch (epub- und kindle-Format). 86.000 Zeichen.

 

Vorwort

Auf einer Hangwiese der Alpen lebt das Murmeltier Mu. Den Sommer über liegt es im Gras zwischen den Blumen und sonnt sich. Im Winter schläft es in seiner Höhle zwischen den Wurzeln der alten Föhre.

Damit reichlich beschäftigt, wurde es mit den Jahren immer älter und weiser. Und weil es über all diese dringenden Geschäfte keine Zeit zum Sterben fand, wurde es unversehens so alt und so weise, dass es über alle Dinge der Welt und des Lebens Bescheid wusste. Denn die hatten ihm doch die Bienen gesummt, die Vögel gepfiffen, der Wind hergetragen und die Melodien seiner Träume gesungen. Und es hatte über alles lange nachgesonnen.

Irgendwann begann das Murmeltier der Welt zu antworten, am liebsten dem Wind. Sie sprachen miteinander, und das Murmel berichtete von dem, was ihm den lieben langen Tag in den Sinn gekommen war. Das hat auch hier und da ein Wanderer belauscht, eine Gemse, ein Edelweiß, ein Holzfäller, eine Grille. Bald sprach sich die Weisheit des Murmels herum, und immer mehr Pilger fanden sich mit ihren Fragen und Nöten auf seiner Wiese ein.

Die Hirtenbuben waren immer gerne dabei. Ihr Vieh fand sein Gras auch alleine. So setzten sie sich oft in die Wiese und lauschten. Auf den folgenden Seiten steht ein Auszug dessen, was ein Hirtenbub mitschrieb – von den Weisheiten des Murmels Mu.

 

Purzelbaum Glück

Ein Wanderer setzte sich vor Mu in die Bergwiese. „Ich habe alles – aber das Glück nicht.“

„Glück ist nichts, das es zu besitzen gibt“, sagte Mu. „Glück ist eine Weise des Seins. Und die findet sich am ehesten dort, wo wenig Güter sind.“

„Besitz und Glück müssen doch miteinander vereinbar sein“, sagte der Wanderer.

„Diese Bienen sind glücklich“, sagte Mu und deutete mit dem Schwanz in die Almwiese. „Wenn sie herfliegen – und wenn sie zurückfliegen in ihren wilden Stock im Wald. Es ist nicht der gesammelte Nektar, der sie glücklich macht. Es ist die Freude an ihrem Tun, das ihr Leben bedeutet. Der gesammelte Nektar ist nur ein Zeichen davon. So ist es wohl möglich, in der Arbeit glücklich zu werden, aber sehr schwer inmitten von aufgespeicherten Gütern. Weil die nicht dein Leben sind. In der Arbeit glücklich zu werden, ist möglich, nicht wegen den Dingen, die sie schafft oder dem Lohn, den sie bringt, sondern wegen dem, was sich in ihr ausdrücken kann – eben dein Leben.“

„Was ist mein Leben?“, fragte der Wanderer.

Mu wiegte den Kopf hin und her. „Meines ist hier in der Sonne. Die Almwiese ist es, der Tanz der Schmetterlinge, die Höhle unter der Kiefer. Es muss nicht die Arbeit sein.“

Mu schlug einen Purzelbaum.

„Mach das nach!“

Der Wanderer lachte und versuchte es.

Kläglich.

Er lachte noch mehr.

 

Von der Teilung der Arbeit

Eines Tages kam ein Malergeselle den Berg hochgekraxelt. Er setzte sich keuchend vor die Höhle von Mu, grüßte ehrerbietig und fragte: „Wir haben ein Problem wegen der Arbeitsteilung. Einen Rat erfragen kostet doch nichts, oder?“

„Fragen ist umsonst“, bestätigte Mu. Also erzähle!“

„Wir hatten zu fünft einen Malerbetrieb eröffnet. Und das fing gar nicht schlecht an“, begann der Malergeselle. „Wir strichen ein Treppenhaus, und weil doch der Tierschutz ein paar Tage vorher eingeführt worden war, machten wir die Ecken zu viert. Nämlich so: Der Lehrling fing eine Fliege. Die hielt er der Spinne knapp außer Reichweite. Das lockte sie weg. Der erste Geselle nimmt sich den Faden vom Spinnennetz und wickelt ihn auf. Der zweite Geselle schnappt sich den Pinsel und malt schnell die Ecke aus. Der dritte Geselle kommt mit dem Föhn und trocknet die Farbe. Und dann ist nochmal der erste Geselle dran und macht das Spinnennetz wieder hin – und gerade kommt der Lehrling auch um die Ecke mit seiner Fliege – und die Spinne ganz abgehetzt hinter ihm her. Und sie plumpst in ihr Netz und merkt nichts. Der Lehrling lässt nun die Fliege frei und die Ecke ist bestens gestrichen. Und wir klatschen und sagen: Ganz toll!“

Auch Mu klatschte und meinte: „Eine löbliche Einstellung zum Miteinander in der Arbeitswelt!“ Aber der Geselle ließ den Kopf hängen und sprach betrübt weiter.

„Dir ist es nicht aufgefallen. Wir haben auch ein bisschen gebraucht, aber dann begriffen wir: Der erste Geselle mit dem Spinnennetz musste zwei Mal ran: Erst aufwickeln, dann abwickeln. Das ist doch zweierlei Arbeit. Und die anderen hatten bloß eine Arbeit. Da stritten wir, und der eine sagte, der erste Geselle sei besser dran als sie anderen, weil er mehr arbeiten dürfe, und der andere sagte, der erste Geselle sei schlechter dran, weil er mehr arbeiten müsse. Da war dann also die Arbeit ein Problem geworden, und wir wussten nicht einmal genau, welches. Dann überlegten wir, warum der erste Geselle eigentlich zwei Mal ran musste, obwohl es doch fünf Arbeitsteile waren und wir auch fünf Leute in der Firma sind. Und da merkten wir, dass der Chef fehlte.“

Mu lachte. Als selbstständiges Murmel war ihm so etwas fremd. Der Geselle aber sprach weiter:

„Wir suchten im ganzen Treppenhaus nach dem Chef, aber wir fanden ihn nicht. Wir fanden ihn in einer der Wohnungen des Hauses. Er trank Kaffee. Wir fragten, warum er nicht arbeite, und er sagte, das komme wegen der Arbeitsteilung. Er arbeite sozusagen auch, wenn er nichts tue, denn jede Arbeit müsse nun mal getan werden. Und wir fragten ihn, was für eine Arbeit er denn tue, wenn er nichts tue. Und er sagte, die Arbeit, die er dann tue, die sei eben keine Arbeit, und das gäbe es auch, wegen des Müßiggangs.

Und er erklärte uns Gesellen und auch dem Lehrling, dass er als Chef neben der Verantwortung eben auch die Arbeit des Müßiggangs auf sich nehmen müsse, manchmal. Denn wenn ein Geselle müßig gehe oder auch einfach bloß faul sei, dann müsse er ihn leider entlassen, und das sei doch unsozial und überhaupt ein gesellschaftliches Problem, weil der dann arbeitslos sei. Aber weil mit der Arbeit nun mal auch die Faulheit in die Welt gekommen sei, müsse jemand den Müßiggang auf sich nehmen, um ihn von den anderen abzuziehen und die anderen dadurch vor ihm und seinen Konsequenzen zu schützen.

Das schien uns erst logisch, aber als wir uns dann nach der nächsten Ecke im Treppenhaus untereinander besprachen, merkten wir, dass eigentlich jeder von uns das mit dem Müßiggang auch erledigen könne. Wir also wieder in die Wohnung und das dem Chef sagen. Aber er behauptete: Nee, das ginge nicht, denn jetzt sei er der Chef. Und so gingen wir also wieder ins Treppenhaus, und nach der dritten Ecke gründeten wir die Gewerkschaft. Und dann gingen wir in die Wohnung und brachten unsere Forderungen vor. Aber der Chef schaltete auf stur.

Schon bevor es zu einem Arbeitskampf kam, merkten wir allerdings, dass wir immer mehr in Schwierigkeiten gerieten, weil plötzlich der Lehrling aufmuckte. Dieser Lümmel behauptete nämlich frech, er würde ,die ganze Zeit' arbeiten, mit seiner blöden Fliege, und jeder von uns nur ein Viertel der Zeit oder der erste Geselle auch zwei Viertel. Der Lehrling wollte eine gerechte Verteilung der Arbeit, und wir kratzten uns alle am Kopf, auch der erste Geselle. Der kratzte vielleicht sogar ein klein wenig stärker als die anderen.

Da standen wir also und überlegten, wie wir das Ganze schön vernünftig diskutieren könnten und was denn die Gewerkschaftssatzung dazu sagen würde, wenn wir eine hätten, aber da kam der Meister und schimpfte recht viel, weil das Treppenhaus angeblich immer noch nicht fertig wäre. Was auch so war. Und wir sagten: Na und?

Aber der Chef quatschte etwas von Effizienz und Leistungsbereitschaft und Lohnabzügen und zeigte seine dicke Stoppuhr vor, die allerdings behauptete, dass wir für jede Ecke mehr Zeit gebraucht hätten als für die vorherige, und die vierte hätten wir dann gar nicht mehr geschafft.

Da protestierten wir natürlich laut, aber weil es nun mal stimmte, war es doch leiser als das Geschrei vom Chef, obwohl wir zu Viert waren. Das war schon blamabel. Und das machte uns wütend, und da stritten wir uns extra lange herum und machten dann Feierabend.

Und am nächsten Tag stritten wir weiter.

Am dritten Morgen aber hatten wir alle die Arbeit nicht mehr, weil der Hausbesitzer das Treppenhaus inzwischen selbst gestrichen hatte, und wir tranken nun eben alle Kaffee. Aber das Streiten wollte nicht aufhören.

Eigentlich würden wir alle ganz gerne malern. Deshab spreche ich jetzt sozusagen für die ganze Belegschaft, mit Chef und Lehrling, und ich will wissen, wie wir das anstellen.“

Mu sagte nichts. Der Malergeselle wartete lange, dann stieg er wieder ins Tal.

An diesem Tag wurde der Tarifvertrag erfunden.

 

Anker

„Du hast es gut, Mu, fern lebst du hier von der Hektik der Welt!“, sagte ein Wanderer.

„Sage das nicht“, meinte Mu. „Selbst hier herauf kommen immer mehr Wanderer. Und der Takt ihrer Stöcke wird jedes Jahr schneller.“

„Was tust du, um dich nicht davon anstecken zu lassen?“, fragte der Wanderer.

„Ich achte auf das, was immer gleich bleibt, auf den Himmel, das Gras, das Bächlein, den Wind, die Bäume, die Blumen. Wenn ich auf die achte, wird mein Herz ruhiger.“

 

Die Geschichte vom singenden Kamel

Ein Mann stand stocksteif vor dem Sonnenplatz des Murmels und wischte sich über die Augen.

„Mu“, begann er. „Ich bin verzweifelt. Meiner Firma geht es seit Jahren schlecht. Beim Versuch, sie wieder in das richtige Gleis zu bekommen, nahm ich keine Stunde mehr frei und habe, ja, meine Frau und meine Kinder vernachlässigt. Sie trennten sich von mir. Und die Firma steht nun doch vor dem Aus. Die Gläubiger geben, wenn es hoch kommt, ein Jahr noch. Ich weiß nicht mehr weiter. In meinen Träumen sehe ich mich von einer Brücke springen. Hast du mir einen Rat?“

„Kennst du die Geschichte vom singenden Kamel?“, Mu schaute dem Mann in die Augen.

„Nein“, antwortet der.

„Ein Wind aus Osten hat sie mir erzählt, es ist eine orientalische Legende“, sagte Mu. Und er begann.

„Am Gerichtshof des Kalifen wurde ein Mann zum Tode verurteilt. Er hat das Urteil schweigend vernommen. Als er abgeführt werden soll, zögert er und wendet sich noch einmal um.

,Ist noch etwas?', fragt der Kalif scharf.

,Es ist nicht um mich', antwortet der Mann, „es ist um Eueretwegen. Ich fürchte, Eure Untertanen könnten an Eurer Weisheit zweifeln, wenn Ihr, nur weil er einmal gefehlt hat, einen Mann hinrichten lasst, der über eine einzigartige Fähigkeit verfügt.'

,Was soll das für eine Fähigkeit sein?', fragt der Kalif spöttisch. ,Etwa die Fähigkeit zu stehlen? Die ist schon viel zu verbreitet in meinem Reich!'

,Nein', antwortet der Mann. „Ich meine die Fähigkeit, einem Kamel das Singen beizubringen.'

Der Kalif lacht. ,Das ist unmöglich', sagt er.

,Diese Gabe ist sehr selten, allerdings', antwortet der Mann, ,ich aber besitze sie. Gebt mir drei Jahre, und ich beweise es euch.'

Der Kalif überlegt. ,Du willst dein Leben retten', meint er dann. ,Aber gleichwie: Ich gebe dir ein Jahr Zeit. Wenn du in dieser Zeit einem Kamel das Singen beibringst, sollst du frei sein, und einen Beutel mit Gold erhältst du obendrein, damit du ein ehrliches Leben beginnen kannst. Ansonsten stirbst du unweigerlich.'

Dem Mann wurde ein Haus zugewiesen, mit zwei Wachen davor. Und einem Kamel. Jeden Tag saß der Mann vor seinem Haus, sang dem Kamel vor und redete mit ihm. Menschen kamen vorbei und wunderten sich. Eine Schar Kinder machte sich ein Vergnügen daraus, ihn zu verspotten. Er lachte mit ihnen.

Eines Tages sprach ihn einer der Wachleute an. ,Die Menschen machen sich über dich lustig', sagte er. ,Es ist unmöglich, jeder weiß das, außer dir. Du versuchst es nun schon Wochen, aber noch nie hat das Kamel auch nur einen einzigen Ton zu singen vermocht. Warum gibst du nicht auf?'

Der Mann sah den Wachmann an und lächelte. Plötzlich wurde er ernst. ,Du bist ein kluger Mensch, und du hast ein gutes Herz', sagte er. ,Aber es gibt noch anderes. Ich habe dem Kalifen ein Jahr für mein Leben abgerungen. In einem Jahr kann viel passieren.

Das Kamel könnte sterben. Dann bekäme ich ein neues Kamel und ein ganzes neues Jahr Zeit.

Der Kalif könnte sterben. Vielleicht würde sein Nachfolger lachen über diesen Streich – und mir die Freiheit dafür schenken.

Ich selbst könnte sterben. Dann wären alle Sorgen, die ich mir jetzt mache, umsonst.

Oder', das Lächeln stahl sich wieder in das Gesicht des Mannes, ,oder das Kamel könnte tatsächlich lernen zu singen.'

 

Zum Buch

 

 

Aktuell 06.10.2013 auf www.Quellensteine.de, Einrichtung 06.10.2013
Alle Rechte bei Volker Friebel, Tübingen