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Volker Friebel
Die Schwanenflöte

 

1

Himmelhoch Felsen –
und auf dem höchsten reckt, als Baum,
sich die Erde noch höher.
Wolken
streifen ihr Holz.

 

2

Geißenklösterle.
Unterm Felsgewölbe sitzen Neandertaler.
Flammen tanzen. An Spießen
dreht Bärenfleisch. Im Lied auf der Schwanenflöte
der Wald, mit Vögeln, Farben von Blumen, Bienen,
und Harz – die Seele des Bären,
getragen bis in den Himmel hinein,
während sein Fett im Feuer zischt,
während die eine Frau ihr Kind säugt und die andere
ein älteres laust.

 

3

Aus Wellen hat sich das Auge Farben erfunden,
Klänge das Ohr, auf Leitern von Tönen
rollen nun Gebete ins Unermessliche,
wo sie verwirbeln, und Tropfen fallen, zerplatzen,
das Gesicht des Flötenspielers ist nass, er leckt mit der Zunge
vom Wasser der Wahrheit.

Das Bärenfett zischt noch immer über
der Glut. Ein neues Reich ist entstanden
aus dem Wind im Flügelknochen des Schwans,
aus den Tönen an der Kante
des Himmels.

 

4

Wer hat als Erster die Schwingung
als Klang gelautmalt, als Ton fantasiert?

Wer hat die Töne getaktet mit Atem und Schritt,
hat Verse und Strophen gebaut?

War es die Frau an der Quelle,
die den gespiegelten Himmel um Segen bat?

War es der Mann im Wald,
um Jagdglück betend zu Wisent und Hirsch?

War es das Kind, das, innehaltend,
an der Felswand das eigene Jauchzen als fremdes nahm?

Im Höhlenschutt sind Splitter der Flöte geblieben,
ein Archäologe hebt sie einzeln ans Licht.

 

5

Hinterm Glas des Museums für Urgeschichte
die Rekonstruktion einer Flöte, geschnitzt aus dem Knochen
des Schwanenflügels.

Der Vitrinen-Lautsprecher flutet ihr Spiel
in den Raum, sehnsuchtsvoll hoch, c3 bis f4, träumerisch,
die sieben Töne des Waldes.

Wisente. Bären. Und der Glaube
an eine Mitte der Welt.

Jeder Ton trifft. Wo es schmerzt,
ist dein Herz.

 

6

Zum Schlag der Trommel am Feuer,
zum Atem der Flöte synchronisieren die Herzen.
Wir schauen uns an.

Beim Spurenlesen haben wir einander erkannt,
beim Kampf mit dem Bären,
beim Wasserschöpfen am Fluss,
ineinander verschlungen in zitternder Nacht –
und nun noch einmal,
im Himmel.

 

7

Balken im Blau, in ziehenden Wolken,
ein Reich aus Klang und Licht,
aus Metaphern.

Unverständlich,
dass wir einander erkennen.

Unverständlich,
dass wir weinen, wenn Schwingungen den Himmel erschüttern.

Unverständlich,
dass wir auf Leitern gehen, durch Wolken.

 

8

Unverständlich ist alles, unerkennbar –
aber zu leben.

Zu leben so, wie ein Stein auf der rauen Alb singt,
wenn der Pflug ihn nach Jahrmillionen hochhebt ans Licht.

Zu leben so, wie der Efeu rankt,
die Mauer hoch, durch eine Schießscharte der Burg.

Zu leben so, wie ein Falke vom Himmel stürzt,
und so, wie die Maus, die er schlägt.

 

9

Metaphern sind die Farben und die Klänge,
ein Gleichnis ist der Erde ganze Pracht.
Wahr werden erst Gemälde und Gesänge,
wahr wird das Wort und was das Herz uns macht.

Wie lang auch einer tastet mit den Händen –
erst seine Träume bringen diesen Stein
mit ihrem Meißel aus des Berges Wänden
in unsere hohen Tempel ein.

Nur in der Kunst kann Wahrheit sein.

 

10

Da, auf der Sprosse, im Himmel!
Über ihm, unter ihm wird die Leiter kleiner und kleiner.
Das Schwanken, das ist der Wind,
die Wolken sind Kühe, die melkt er,
Donner und Blitz
sind unverstandene Gedanken.

Wenn er schreit, nimmt der Himmel
den Laut auf. Sein Herz pocht. Das sucht die Ruhe
der Erde.

Rings um ihn Leitern, und Augenpaare.
Hier finden die Blicke sich,
hier erkennen sich Menschen, im Himmel.

 

11

Aber weißt du noch, an der Quelle,
dein Blick aus dem Spiegel?
Du hast mit der Hand das Wasser berührt,
die glatte Fläche verwandelt. Du hast im Wasser
dich selbst gespürt,
herausgerückt aus der Zeit, dort hinein
wo sie steht.

 

12

Der Zug nach Blaubeuren beschleunigte
den eingeschlossenen Himmel, und uns, die wir
zu ruhen schienen, während vor schmutzigen Scheiben
das Land immer schneller vorbeiflog.

Zwei Mädchen mit Ohrhörern, jedes lauschte für sich
vorgefertigten Klängen.
Aber ihr Schaukeln im Schaukeln des Wagens
teilten wir alle.

 

Erstveröffentlichung in: Volker Friebel (2011). Die sieben Töne des Waldes. Gedichte, Haiku und ein Essay. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

Aktuell 04.10.2013 auf www.Quellensteine.de, Einrichtung 26.05.2010
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