Eingang  I  Verse  I  Haiku  I  Prosa  I  Quelle  I  Druck  I  Impressum  I  Datenschutzerklärung

 

 

Volker Friebel
Die Wahrheit der Bäume

 

1

Weißt du, was die Bäume erzählen?
Sie erzählen gar nichts, sie sind.
Sie bereiten mit ihrer Weise
einen Raum, in dem auch du sein kannst,
in dem du werden kannst,
was du bist – auch eine der Stimmen
des Waldes.

 

2

Rumänien: Zur Zeit des Kommunismus
soll die Wettervorhersage manipuliert worden sein,
um Brennholz zu sparen.
Deutschland: In der Marktwirtschaft
sollen Zahlen der Arbeitslosigkeit und Inflation
manipuliert worden sein,
um das Konsumklima zu bessern.

Nie hat einer dem Wald etwas vorgemacht,
auch der Luft nicht, dem Meer.

Um die Belange der Menschen
ist die Wahrheit verborgen.

Willst du wissen, was wahr ist,
frag einen Baum.

 

3

Aufrichtig wie ein Baum – gegenüber wem denn?
Schon vor dir selbst hältst du so vieles zurück.

Warum mancher Katzen so liebt, oder Rosen?
Weil er vor ihnen aufrichtig sein kann.

Wenn du ein Ohr an die Borke legst,
wenn du ein Blatt betastest, spürst du,

dass Wahrheit still ist, und einsam, und du spürst:
Sie ist auch, verborgen, in dir.

 

4

Kein Baum tut etwas für den Wald –
so ist der Wald vollkommen.
Jeder Baum ganz so, wie er ist,
das ist die Gesellschaft der Bäume.

Nur die Menschen halten einander.
Vielleicht ist es deshalb, dass sie so groß sind.
Vielleicht ist es deshalb, dass sie einander bedrücken.
Vielleicht ist es deshalb, dass ihre Gesellschaft zerfällt.

 

5

Im Hohen Haus ist der hölzerne Stuhl
beiseite gerückt. Da stehen nun Sessel.

Spät nachts, nach langer Verhandlung, wurde beschlossen,
die Erde zu retten.

Um Kontinente und Meere Gelächter.
Sie ist nicht in Gefahr, ob das Wasser steigt oder sinkt,

ob die Herden zu- oder abnehmen –
sie ändert nur ihre Flecken.

 

6

Vögel haben den Raum angenommen,
den die Bäume eröffnen, durchfliegen, durchsingen ihn.
Käfer krabbeln im Schattenmoos.

Wenn du unter den Buchen gehst,
färbt sich dein Herz.

Wenn du dem pfeifenden Vogel lauschst,
fühlst du, dass auch du singen kannst.

Wenn du selbst zu singen beginnst,
spürst du, dass hier dein Zuhause sein kann.

 

7

Ein schlechtes Jahr gibt einen schmalen Ring,
ein gutes gibt einen breiten.
Wurzeln ziehen Wasser und Mineralien
tief aus der Erde. Da ist kein Kredit.
Blätter berühren das Licht
und es beginnt zu leben.

In jenem Deckengemälde der Finger Gottes,
der den Finger Adams berührt – weißt du,
dass das in jedem Moment geschieht,
in jedem der Blätter des Waldes?
Tiere wandeln Leben in Leben. Weißt du,
dass nur die Pflanzen
neues Leben erschaffen?

 

8

Zwischen den Betonpfeilern könntest du
Palmen pflanzen, und Kaktus, du könntest
Kanarienvögel aussetzen, die Quelle anreichern
mit Orchideenduft.

Wenn die gesicherte Welt jenseits der Pfeiler verginge,
zwischen dem Beton könnte sie blühen,
zwischen dem Beton könnte ein Zimmermann
die Planken der Arche zusammenfügen.

 

9

Im Hallenser Stadtteil „Silberhöhe“:
Bagger räumen die Hochhäuser weg.
Wo Menschen sich in den Himmel türmten,
laufen nun Ketten über Schutt.

Eine Frau sagt: „Die Stadt will uns nicht,
das ist eine Vertreibung.“ Planierraupen nähern sich
den Schulen. Ein Stadtbeamter
kontrolliert das Schwarz ihres Papiers.

Bürger stiften Bäume – sie wollen handeln,
auf die Wildnis nicht warten.
„Waldstadt“ soll das Viertel heißen.
Die Setzlinge äußern sich nicht.

 

10

Bäume haben kein Herz. Sie wachsen,
bis eine Axt sie fällt, oder ein Sturm,
bis ein Blitz sie zerschmettert,
bis der Schwamm sie morsch macht
und sie ihr eignes Gewicht zerbricht.

Das Pochen in dir,
das ist dein sterbliches Herz.

Die Betonpfeiler, schuf die dein Herz aus seiner Not
enden zu können, und stellte sie, seinen Wald,
rings um sich auf?

Haben Fremde dein Herz zwischen den Pfeilern
gefangen?

Was die Pfeiler tragen,
ist das wirklich der Himmel?

Wenn eine Arche je fliegen sollte,
wohin?

 

11

Bäume heilen dein Herz,
auch das Gras heilt, die ziehenden Wolken.

Alles was hart ist und Menschending,
zuletzt gibt es auf und will schlafen.

Im Schatten der Bäume
die Wiege.

Im Wiegen der Zweige
Lied und Traum.

 

12

Der Buchenhang geht über
in Wolken. Ob die Wirbel etwas
weitertragen von ihm?
Was wäre, wenn der Hang
einfach endet?

Vögel singen ringsum. Es ist ein anderes Ohr,
das sie hört, nicht mehr deines.

Ein Eichhörnchen läuft den Stamm hinauf.
Als es zurückblickt, ist da niemand.

 

 

Erstveröffentlichung in: Volker Friebel (2007): Nachricht von den Wolken. Gedichte und Haiku. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

Aktuell 04.10.2013 auf www.Quellensteine.de, Einrichtung 17.03.2009
Alle Rechte bei Volker Friebel, Tübingen