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Volker Friebel
Stufen zur Quelle

 

1

Bäume beschatten die Stufen, eine Senke hinunter,
zur Quelle: Feuchte Augen, Rutschenhof-Brünnele,
auf der Alb über Urach, armseliges rostendes Rohr ...

Das Heilige hat keinen Platz in der befestigten Welt –
weil es kein Posten in der Liste der Gelder sein kann,
nicht Baustein, nicht Mörtel,

weil es einfach nur ist, wie Wind,
wie Schwerkraft, wie alles Selbstverständliche,
das nichts kostet, nichts einbringt.

Ein Rinnsal läuft weiter hinab in die Mulde,
dann versickert das Wasser, vor Felsblöcken,
zwischen losen Brocken der Welt.

Immer wird es verschwinden.
Mauerten sie die Erde ganz zu, verschwände das Wasser
im See.

 

2

Vom Quell willst du trinken.
Lass es ein Netzen der Lippen sein, eine bloße Berührung,
dann siehst du ihn.

Oder danach, wenn dir Wasser vom Kinn tropft,
wenn du einfach noch dastehst, den Durst gelöscht,
dann siehst du ihn auch.

Nur wenn du nichts willst,
kannst du offen sein
und dem Wasser begegnen.

 

3

Am sprießenden Busch sind Haare
vom Schaf-Fell hängengeblieben,
die beben im böigen Wind.

Kein Wort, nur der Laut dieses Himmels,
nur die Entfaltung der Knospen.

Nichts willst du hier, da ist nur die Zeit,
und an deinen Händen der Wind.

 

4

Hochaufstürzender Raum. Kerzen leuchten
vor der Madonna. Die vielen Menschengesichter,
die durch Zeiten vorüberziehen, die sich beugen,
das Feuer erneuern – wie sie selbst erleuchtet werden,
wie sie wieder verblassen, wenn sie sich wenden,
zum Weg hinaus auf den Markt.
Wie mein Herz alles aufnimmt und weiß,
dass es das immer schon in sich trug.

Laut betend, den Blick mal gesenkt, mal erhoben,
wohin geht, verkrümmt in der Bank, das Flehen der Alten?

In welche Tiefe geht die Stimme des Leids,
wohin reichen die Tränen?

Menschen haben für Gott diesen Raum gebaut,
nun finden sie in der Weite sich selbst.

Der Raum nimmt ihr Flehen auf, Wände werfen als Hall
es zurück.

 

5

Die Taube ist alles Verlangen,
schnell stößt sie in die Pfütze, damit ihr das Spiegelbild
die Körner nicht wegpickt.

Du siehst ihr zu und wünschst dir
diese Klarheit auch. Denn die Klarheit des Himmels
erreichst du doch nie.

 

6

Kinder besteigen den Bus auf ihrem Weg in die Schule,
im Ranzen all unser bemühtes Versagen, im Stundenplan
wie man sich unterordnet, mit dem Versprechen,
dass man bekommt, was man will, und irgendwann
eine Kuckucksuhr. Nur immer zur Erde
wenden die Diktate der Lehrer den Blick.

Ein Schulfach, in den Himmel zu schauen, nichts zu wollen,
die Dinge zu lassen, so wie sie sind,
und sich vor ihnen. Eine Stunde, Bücher nur zu berühren,
der Bänke Holz zu tasten.
Eine Klassenarbeit, das Zimmer auszuräumen, alle Fenster
zu schließen, und zusammen zu sein.

 

7

Und wenn wir dann hier sind, reden wir,
schlagen wir Brücken durch die strömende Zeit,
statt einfach zu sein, mit unserer Angst,
dass es still wird, und wir uns hören,
dass wir dann nicht mehr wissen, was sein.

Der Zauber der Sterne ist
ihr unaufdringliches Schweigen.

Der Zauber des Mondes ist,
dass er dich anhält, selbst still zu sein.

 

8

Ein Wanderer hat die falsche Abzweigung genommen,
nun endet sein Pfad und er steht mitten im Wald,
auf einer Lichtung fahler Halme,
von der Sonne durchleuchtet. Eine Taube gurrt,
er spürt seinen Atem. Hier kann er glücklich sein,
ein paar Momente – bevor er sich besinnt, und zurücktritt,
auf seinen Weg zu den Schienen.

 

9

Im Zugsessel gegenüber erkennst du plötzlich Attila,
den Hunnenkönig: alt, grau,
die Augen von Gram überschattet,
eine in Demütigungen
geduckte Gestalt.

Wie wir gepresst sind, bereitgestellt,
wie unter „anderen Umständen“
wir aufblühen könnten,
wie das Rückgrat sich aufrichtete,
die Züge sich strafften.

Der Bettler könnte Königssohn werden,
die Frau hinterm Bankschalter Räubertochter.
Und wir kommen doch nur
von Larve zu Larve, nie zu uns selbst
vor unserer Geburt.

 

10

Der Schatz des Lebens liegt in der Tiefe.
Jeder Schritt ist ein Schritt von ihm weg, eine Ausflucht.
An dir ist nur dein Atem wahr.

Es ist die Weite, die du siehst, wenn du die Augen schließt.
Es ist die Tiefe, die du hörst, wenn du den Vogel hörst,
der den Morgen eröffnet.

Weißt du, dass der Himmel die Erde
an jeder Stelle berührt, in jedem Winkel des Hauses,
zu jedem Moment, wenn du die Treppe gehst?

Weißt du, dass du dich hinter Schleiern
verstecken musst, um die Berührung des Himmels
nicht zu empfinden?

Weißt du, dass du die Schleier nahmst,
dich vor den Menschen zu verbergen? Nun verbergen sie
den Himmel vor dir.

 

11

Der Priester hat sich zwischen Uhren verlaufen,
am Altar sprechen Fremdenführer,
übertönen sich in den Sprachen der Welt.
Die Tempel sind Kaufpaläste geworden,
das Heilige ist dir zwischen den Fingern entglitten,
wie Wasser, wie Luft, wie alles Kostbare, das du
zu fassen versuchst. In der Kuppel betrachtest du Baustile,
was in dir sich regt, sind Epochenbezeichnungen,
nicht mehr dein Herz.

Wenn du spüren willst, dass die Welt groß ist und neu,
dann geh in den Wald.

Wenn du den Himmel begreifen willst,
atme.

Wenn du das Wasser fassen willst,
koste davon.

Wenn du liebst, dann flüstere mit der,
die dich auch liebt.

Weil das Heilige kein Gewinn ist,
sondern Begegnung.

 

12

Jener Tag im Mai, bei St. Johann, als du im Wäldchen,
in der Senke inmitten
des Feldes standst, an der Quelle.

Du schriebst ein Gedicht, ein Mensch unter Bäumen,
an der Quelle ein Mensch,
der dem Wasser wirklich begegnet.

Es ist deine Berührung, die das Wasser
als Wahrheit aufscheinen lässt.

Es ist deine Berührung, in der das Wollen sich auflöst
und alles Besitzen verschwimmt.

Es ist deine Berührung, in der auch das Wasser endet
und das Strömen sich zeigt.

 

 

Erstveröffentlichung in: Volker Friebel (2010): Zonen der Kampfjets. Gedichte und Haiku. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

Aktuell 04.10.2013 auf www.Quellensteine.de, Einrichtung 26.05.2010
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